Autor
Ralf Lethmate
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Im Gegensatz zu etablierten Skalierungs-Frameworks wie SAFe, Nexus, LeSS etc handelt es sich bei unFIX um kein festes Framework, sondern um eine Sammlung von Bausteinen („Patterns”), die wie Lego für den eigenen Kontext eingesetzt und angepasst werden können.
Eine wesentliche Kernidee bei unFIX ist, dass Unternehmen sich mindestens so schnell verändern sollten wie ihr Geschäftsfeld.
„Jedes Unternehmen braucht eine Organisation, die sich so schnell verändert wie sein Geschäftsfeld. Andernfalls gerät es ins Hintertreffen. Wenn Change beständig ist, warum dann nicht Organisationen so aufbauen, dass sie ständig und schnell veränderbar sind?"
Galbraith, Jay R. Designing organizations: Strategy, structure, and process at the business unit and enterprise levels. John Wiley & Sons, 2014.
Eine notwendige Konsequenz daraus ist, dass die einzelnen Strukturelemente einer Organisation flexibel bleiben müssen. Diese Patterns sind so einfach und flexibel, dass sie sich in jeder Organisation umsetzen lassen. Der Name „unFIX” (= lockern, lösen) soll dieser Flexibilität Ausdruck verleihen und ist zudem als Aufforderung zu verstehen im Sinne von: „bleib anpassungsfähig!”.
unFIX lässt sich in zwei Teile gliedern.
Ein wichtiger Aspekt von unFIX ist die einfache Visualisierung. Deshalb werden, wenn möglich, Patterns wie Modelle mit haptischen Spielkarten dargestellt. Sie ermöglichen es, den IST-Zustand einer Organisation kollaborativ darzustellen, um ihn anschließend in Kanban-Manier evolutionär und bottom-up weiterzuentwickeln.
unFIX schlägt vor, das Mantra von stabilen Teams aufzubrechen, sofern das Geschäftsfeld dies erfordert (vgl. Bruce Tuckman’s Team Development Modell). unFIX spricht daher nicht von Teams, sondern von Crews, die sich mit dem Ziel formieren, eine abgeschlossene, zeitlich begrenzte Mission zu erfüllen (vgl. Team Topologies, M. Skelton et. al).
Den Crew-Begriff kennen wir von Airlines, wo Pilot:innen und Flugbegleiter:innen für die Dauer einer Flugroute zusammenkommen und sich danach wieder auflösen können.
Ähnlich verhält es sich bei OP-Teams, wo Chirurg:innen, Anästhesist:innen und das Pflegepersonal sich für jede OP neu bilden.
Die Base ist das Zuhause aller Crews. Die Base sollte wenige hundert Personen umfassen und ist damit maximal so groß, dass einfache soziale Vernetzung möglich ist (vgl. Dunbar Nummer). Sie ermöglicht und fördert Anerkennung und stärkt die soziale Zugehörigkeit.
Ein wichtiger Punkt der Base ist es, sich ständig neu strukturieren zu können, je nach Marktbedürfnis. Eine Organisationsstruktur ist immer direkt mit der Kommunikations- und Produktarchitektur verbunden (Conway’s Law). Wenn sich die Architektur aufgrund eines veränderten Marktbedürfnis ändern muss, sollte sich also auch die Organisationsstruktur ändern. Deshalb tut die Base alles, um ihre Crews dabei zu unterstützen, flexibel zu bleiben. Dazu gehört auch, dass ein ‘Re-Teaming’, also die Neubildung der Crews, so schmerzlos wie möglich erfolgen kann.
Eine Crew ist ein kleines Team, das für eine Mission mit klarem zeitlich begrenztem Ziel zusammengekommen ist. Die Mission kann für die Länge eines Projekts gelten, aber auch so kurz wie für die Dauer der Umsetzung einer UserStory sein. In anderen Kontexten gerne auch Team, Squad, Pod oder Zelle genannt. Der Crew-Begriff ist - wie alle anderen unFIX Patterns - als Vorschlag zu verstehen.
Es werden folgende Crew Typen unterschieden:
Eine Value Stream Crew (Wertstrom Crew) ist auf einen einzigen Wertstrom ausgerichtet. Dies kann ein einzelnes Produkt oder ein Service, ein einzelner Satz von Funktionen, eine einzelne User Journey oder eine einzelne User Persona sein. Die Crew schafft den Mehrwert. Es setzt Kundenprobleme und -bedürfnisse in Lösungen um, ohne dass Teile der Arbeit an andere Crews weitergegeben werden müssen. Value Steam Crews tragen Ende-zu-Ende Verantwortung für ihren Wertstrom. In anderen Kontexten werden Value Stream Crews meist Entwicklungsteams genannt.
Eine Facilitation Crew unterstützt andere Teams in ihrer Arbeit. Mitglieder der Facilitiation Crew haben einen starken Fokus auf Kollaboration; sie sind bestrebt, die Probleme und Hindernisse im Wertstrom zu verstehen, um wirksam Hilfe leisten oder vermitteln zu können. Das Ziel der Facilitation Crew ist es, die Autonomie der Wertstrom-Teams zu erhöhen, indem ihre Fähigkeiten ausgebaut werden, wobei der Schwerpunkt zunächst auf ihren Problemen und nicht auf den Lösungen liegt. Es sollte keine dauerhafte Abhängigkeit zur Facilitation Crew bestehen. In anderen Kontexten werden Mitglieder der Facilitation Crew gerne Scrum Master oder Agile Coaches genannt.
Eine Capability Crew liefert Spezial-Expertise. Sie ist also für den Aufbau und die Wartung eines Teils des Systems zuständig, der in hohem Maße von Fachwissen abhängt. Das Ziel der Crew ist es, die kognitive Belastung von Wertstrom-Teams zu reduzieren, die an Systemen arbeiten, die das komplizierte Teilsystem beinhalten oder verwenden. Es sollte nur wenige Crews für komplizierte Teilsysteme geben und Value Stream Crews sollten nur in geringem Maße und für kurze Dauern von Capability Crews abhängen. In anderen Kontexten werden Leistungen dieser Art gerne als interne/externe Beratung und Wartung eingeholt.
Eine Platform Crew liefert dauerhafte, gemeinschaftliche Services der Base. Sie stellt insbesondere interne Services für Value Stream Crews zur Verfügung, um ihren kognitiven Aufwand zu verringern. Das Wissen der Plattform Crew wird am besten über Self-Service-Funktionen zur Verfügung gestellt, sodass sie von Value Stream Crews leicht genutzt werden können.
Die Experience Crew sorgt für großartige Kundenerlebnisse. Ein Schlüssel dazu ist, dass das User-Feedback echter User und zahlender Kunden direkt und ungefiltert an Value Stream Crews gelangt. In anderen Kontexten werden Aufgaben der Experience Crew in der Rolle des Product Owners, im Product Management, oder im User Experience Office verortet. Die Experience Crew kann Berührungspunkte zu mehreren Wertströmen haben und verantwortet Aufgaben der Produktfindung und der Produktstrategie.
Die Partnership Crew hat eine ähnliche Rolle wie die Experience Crew. Während sich die Experience Crew auf Kunden und Nutzer konzentriert, liegt der Fokus der Partnership Crew auf die Verbindung mit Anbietern, Partnern, Freiberuflern und Gigworkern, die als verlängerte Werkbank oder Sales Channel fungieren.
Die Governance Crew ist das Führungsteam. Es bildet und gestaltet den Rahmen der Base, damit alle Crews ungehindert ihre Arbeit verrichten können. Sie entscheiden über den Rahmen und die Grenzen der Selbstorganisation. Ihr Augenmerk ist auf operativer Ebene, den Fluss der Arbeit zu verbessern, auf sozialer Ebene, Überlastung der Crews und Einzelner vorzubeugen und auf strategischer Ebene, sinnstiftende und wirtschaftlich sinnvolle Projekte zu initiieren und entsprechend ihres Lebenszyklus ggf. zu beenden.
Ein „Forum" ist eine kollaborative Gruppe, in der Diskussionen, Entscheidungsfindung und Koordination teamübergreifend stattfinden, um Orientierung, Struktur und ein gewisses Maß an Standardisierung für die Organisation zu bieten ohne dass Vorgesetzte anwesend sind. In anderen Kontexten Community of Practice oder Gilde genannt.
Mitarbeitende agieren in einer oder mehreren Rollen, um Verantwortlichkeiten zu klären und äußere Erwartungen zu treffen. unFIX stellt eine Handvoll Rollenattribute - wie Chief, Captain, Creator, Facilitator, Guru etc - vor, die als Grundlage zur Anpassung verwendet werden können.
Über den Autor
Ralf Lethmate wurde 1972 geboren, ist promovierter Physiker und hat einen Master of Business Administration (MBA). Als ausgebildeter Change Manager schließt er mit Herzblut zwischenmenschliche und produktbezogene Feedback-Schleifen.
Veröffentlichungen (u. a.):
Übersetzungen:
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